Welche Fähigkeiten kann ich einbringen?
Viele Menschen schrecken vor dem Unternehmertum zurück, weil sie glauben, alle Aufgaben alleine bewältigen zu müssen. In einer Genossenschaft oder einem gemeinschaftlichen Projekt bringen Sie gezielt Ihre vorhandenen Stärken ein. Dieser Leitfaden hilft Ihnen, Ihre Kompetenzen für die digitale Zusammenarbeit zu identifizieren.
Inhalt
Kurze Antwort
In einer Genossenschaft können Sie weit mehr einbringen als Ihre formale Berufsqualifikation. Gefragt sind fachliche Kenntnisse, praktische Erfahrungen, organisatorische Fähigkeiten, digitale Kompetenzen, Kontakte und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Entscheidend ist nicht nur, was Sie theoretisch können, sondern welchen konkreten Beitrag Sie zuverlässig leisten möchten. Ein guter Einstieg beginnt deshalb mit drei Fragen: Was kann ich? Was braucht das Projekt? Wie viel Zeit und Verantwortung kann ich realistisch übernehmen?
Einfache Erklärung
Was bedeutet das?
Eine Genossenschaft lebt davon, dass Menschen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten bündeln. Nach dem deutschen Genossenschaftsgesetz besteht ihr Zweck darin, die wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Belange ihrer Mitglieder durch einen gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern. Die Mitglieder sind daher nicht nur Kapitalgeber, sondern können die Entwicklung der Genossenschaft aktiv mitgestalten. Grundlage hierfür ist insbesondere § 1 Genossenschaftsgesetz.
Dafür müssen Sie weder Vorstandserfahrung besitzen noch Unternehmer sein. Auch Fähigkeiten, die im bisherigen Berufsleben wenig sichtbar waren, können für ein gemeinschaftliches Unternehmen wertvoll sein.
Welche Fähigkeiten werden gebraucht?
- Fachliche Fähigkeiten: Dazu gehören beispielsweise Programmierung, Grafikdesign, Handwerk, Produktion, Buchhaltung, Vertrieb, Pflege, Beratung, Logistik oder technische Entwicklung.
- Organisatorische Fähigkeiten: Projekte benötigen Menschen, die Aufgaben strukturieren, Termine koordinieren, Prozesse dokumentieren, Besprechungen vorbereiten oder den Überblick über offene Entscheidungen behalten.
- Unternehmerische Fähigkeiten: Kenntnisse über Kundenbedürfnisse, Geschäftsmodelle, Finanzierung, Preisgestaltung, Marketing, Vertrieb und Controlling helfen dabei, aus einer Idee einen tragfähigen Betrieb zu entwickeln.
- Soziale und kommunikative Fähigkeiten: Moderation, aktives Zuhören, Konfliktklärung, verständliche Kommunikation und das Zusammenführen unterschiedlicher Interessen sind in einer demokratischen Organisation besonders wichtig.
- Digitale Fähigkeiten: Remote arbeitende Genossenschaften benötigen Kompetenzen in digitaler Zusammenarbeit, Datensicherheit, Online-Marketing, Prozessautomatisierung, Videokonferenzen und der verständlichen Dokumentation von Entscheidungen.
- Erfahrungswissen und Kontakte: Branchenkenntnisse, persönliche Netzwerke, regionale Verbindungen und Erfahrungen aus früheren Projekten können ebenso wertvoll sein wie Zertifikate oder Studienabschlüsse.
- Praktische Verlässlichkeit: Aufgaben tatsächlich zu übernehmen, Rückmeldungen zu geben und vereinbarte Fristen einzuhalten, ist häufig wichtiger als eine möglichst lange Liste theoretischer Kompetenzen.
Fähigkeiten sind mehr als Berufsbezeichnungen
Die Angabe „Ich arbeite im Marketing“ sagt noch wenig darüber aus, wie Sie einem Projekt konkret helfen können. Aussagekräftiger ist beispielsweise:
- „Ich kann eine einfache Marketingstrategie entwickeln.“
- „Ich erstelle verständliche Texte für eine Internetseite.“
- „Ich kann zwei Stunden pro Woche die Social-Media-Kanäle betreuen.“
- „Ich kenne mögliche Kooperationspartner in der Region.“
- „Ich kann Ergebnisse messen und monatlich auswerten.“
Je genauer Sie Ihren möglichen Beitrag beschreiben, desto leichter kann ein Projekt einschätzen, ob Ihre Fähigkeiten zum aktuellen Bedarf passen.
Potenzial zählt ebenfalls
Sie müssen eine Aufgabe nicht bereits vollständig beherrschen. Genossenschaften können auch Orte des gemeinsamen Lernens sein. Wichtig ist, zwischen vorhandenen Fähigkeiten und gewünschten Lernfeldern zu unterscheiden.
Eine hilfreiche Formulierung lautet beispielsweise:
- Kann ich selbstständig übernehmen: Recherche und Texterstellung
- Kann ich mit Unterstützung übernehmen: Suchmaschinenoptimierung
- Möchte ich lernen: Kampagnenplanung und Erfolgsmessung
So entstehen realistische Erwartungen, ohne Entwicklungsmöglichkeiten auszuschließen.
Zielgruppenspezifische Hinweise
Für Arbeitnehmer
Prüfen Sie nicht nur Ihre offizielle Stellenbeschreibung. Viele wertvolle Fähigkeiten entstehen nebenbei: die Einarbeitung neuer Kollegen, das Lösen wiederkehrender Probleme, die Koordination von Terminen oder die verständliche Erklärung komplizierter Abläufe.
Beachten Sie dabei mögliche Verschwiegenheitspflichten, Wettbewerbsverbote und den Schutz von Betriebsgeheimnissen. Wissen und Erfahrungen dürfen Sie einbringen – vertrauliche Daten, Kundendateien oder geschützte Unterlagen Ihres Arbeitgebers jedoch nicht.
Für Berufseinsteiger und Quereinsteiger
Fehlende Berufsjahre bedeuten nicht, dass Sie nichts beitragen können. Aktuelles Fachwissen, Lernbereitschaft, digitale Routine und ein unvoreingenommener Blick auf bestehende Abläufe können für ein Projekt sehr hilfreich sein.
Beginnen Sie mit einer überschaubaren Aufgabe, deren Ergebnis sichtbar und überprüfbar ist.
Für Remote-Mitwirkende
Bei ortsunabhängiger Zusammenarbeit sind Selbstorganisation und transparente Kommunikation besonders wichtig. Geben Sie deshalb konkret an:
- Zu welchen Zeiten sind Sie erreichbar?
- Wie viele Stunden können Sie regelmäßig beitragen?
- Welche digitalen Werkzeuge beherrschen Sie?
- Können Sie Aufgaben selbstständig dokumentieren?
- Wie früh melden Sie Verzögerungen oder Probleme?
Remote-Zusammenarbeit funktioniert nicht allein durch Videokonferenzen. Sie benötigt klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Entscheidungen und verbindliche Rückmeldungen.
Mitgliedschaft und Mitarbeit trennen
Die Mitgliedschaft in einer Genossenschaft ist nicht automatisch mit einem Arbeitsverhältnis gleichzusetzen. Folgende Rollen sollten klar voneinander getrennt werden:
- Mitglied: beteiligt sich an den demokratischen Entscheidungen der Genossenschaft.
- Projektmitwirkender: übernimmt vereinbarte Aufgaben innerhalb eines Vorhabens.
- Arbeitnehmer oder Auftragnehmer: erbringt Leistungen auf einer vertraglich geregelten und gegebenenfalls vergüteten Grundlage.
- Organmitglied: übernimmt beispielsweise als Vorstand oder Aufsichtsrat besondere gesetzliche Verantwortung.
Vor Beginn der Zusammenarbeit sollte geklärt werden, in welcher Rolle Sie tätig werden, welche Entscheidungsbefugnisse Sie besitzen und ob beziehungsweise wie Ihre Arbeit vergütet wird. Mitgliedschaft darf nicht stillschweigend mit unbegrenzter unbezahlter Arbeit gleichgesetzt werden.
Die rechtlichen Hinweise beziehen sich auf eingetragene Genossenschaften in Deutschland. Für Genossenschaften in Österreich und der Schweiz gelten teilweise andere Regelungen.
Praxisbeispiel: Vom Erfahrungswissen zur konkreten Aufgabe
Eine Arbeitnehmerin arbeitet in der Logistik und möchte sich an einer regionalen Lebensmittelgenossenschaft beteiligen. Zunächst glaubt sie, keine passenden Fähigkeiten zu besitzen, weil sie weder Landwirtin noch Verkäuferin ist.
Bei einer genaueren Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sie:
- Lieferabläufe planen kann,
- Erfahrungen mit Warenbeständen besitzt,
- wiederkehrende Fehler in Prozessen erkennt,
- Tabellen und Auswertungen erstellen kann,
- Dienstleister koordinieren kann.
Statt allgemein „Unterstützung bei der Organisation“ anzubieten, übernimmt sie eine klar begrenzte Aufgabe: Innerhalb von vier Wochen dokumentiert sie den bestehenden Lieferprozess und entwickelt Vorschläge zur Verringerung von Fehlfahrten.
Dadurch erhält die Genossenschaft ein verwertbares Ergebnis. Gleichzeitig kann die Arbeitnehmerin prüfen, ob ihr die Zusammenarbeit und die Arbeitsweise des Teams entsprechen.
Nächste Schritte
Was ist jetzt zu tun?
- Fähigkeiten sammeln: Schreiben Sie fachliche, organisatorische, soziale und digitale Fähigkeiten auf. Berücksichtigen Sie auch Ehrenamt, Hobbys und frühere Projekte.
- Beispiele ergänzen: Notieren Sie zu jeder wichtigen Fähigkeit eine Situation, in der Sie diese bereits praktisch eingesetzt haben.
- Verfügbarkeit festlegen: Bestimmen Sie ehrlich, wie viele Stunden Sie einmalig oder regelmäßig einbringen können.
- Verantwortungsniveau benennen: Möchten Sie zunächst mitarbeiten, einen Aufgabenbereich eigenständig betreuen oder langfristig Führungsverantwortung übernehmen?
- Projektbedarf erfragen: Fragen Sie nicht nur: „Wie kann ich helfen?“, sondern lassen Sie sich die drei aktuell wichtigsten Probleme oder offenen Aufgaben nennen.
- Kleine Testaufgabe vereinbaren: Starten Sie mit einem klaren Ergebnis, einem Verantwortlichen und einem festen Termin.
- Zusammenarbeit auswerten: Besprechen Sie anschließend, was funktioniert hat, wo Unterstützung nötig war und ob eine längerfristige Zusammenarbeit sinnvoll ist.
Direkte Handlungsaufforderung
Erstellen Sie ein konkretes Kompetenzprofil und ersetzen Sie allgemeine Begriffe durch sichtbare Beiträge. Schreiben Sie nicht nur „Projektmanagement“, sondern beispielsweise: „Ich kann Aufgaben strukturieren, Verantwortlichkeiten dokumentieren und wöchentliche Fortschrittsrunden moderieren.“
Auf Taten statt Theorie können Sie Ihre Fähigkeiten sichtbar machen, passende genossenschaftliche Projekte finden und mit einer klar abgegrenzten ersten Aufgabe in die Zusammenarbeit starten. Warten Sie nicht darauf, alle Anforderungen perfekt zu erfüllen. Finden Sie heraus, welchen konkreten nächsten Schritt Sie bereits heute zuverlässig übernehmen können.
Häufige Fragen
Muss ich finanzielle Fachkenntnisse haben, um Mitglied zu werden?
Kann ich meine Fähigkeiten auch nur temporär einbringen?
Begriffe
- Remote-First
- Ein Arbeitsmodell, bei dem die Zusammenarbeit primär digital und ortsunabhängig stattfindet. Physische Treffen sind die Ausnahme, nicht die Regel.
- Genossenschaft (eG)
- Eine Gesellschaft von nicht geschlossener Mitgliederzahl, deren Zweck darauf gerichtet ist, den Erwerb oder die Wirtschaft der Mitglieder durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern.